Ist der Leitzins gemessen an Inflation und Konjunktur eher locker oder eher straff? Die Taylor-Regel übersetzt diese Frage in eine einfache Rechnung. Das Ergebnis beschreibt keinen Beschluss der Notenbank, sondern einen Vergleichswert.
Was ist die Taylor-Regel?
Die Taylor-Regel ist eine geldpolitische Reaktionsregel. Die Formel schätzt einen angemessenen nominalen Leitzins aus dem neutralen Realzins, der aktuellen Inflation, der Abweichung vom Inflationsziel und der Produktionslücke. Die ursprüngliche Fassung von John Taylor gewichtet Inflationslücke und Produktionslücke jeweils mit 0,5.
Leitzins = neutraler Realzins + Inflation
+ 0,5 × Inflationslücke + 0,5 × Produktionslücke
Die Inflationslücke ist die aktuelle Inflation minus Inflationsziel. Die Produktionslücke, auch Output Gap genannt, misst die prozentuale Abweichung des realen Bruttoinlandsprodukts von seinem geschätzten Potenzial. Eine positive Lücke steht für eine Wirtschaft oberhalb ihrer nachhaltigen Kapazität, eine negative für ungenutzte Kapazitäten.
Wie die Regel reagiert
Der Modellzins steigt
- wenn die Inflation über dem Ziel liegt
- wenn die Wirtschaft über ihrem Potenzial läuft
- wenn der geschätzte neutrale Realzins steigt
Der Modellzins fällt
- wenn die Inflation unter das Ziel sinkt
- wenn eine negative Produktionslücke entsteht
- wenn der neutrale Realzins niedriger geschätzt wird
Die Regel reagiert auf einen Inflationsanstieg stärker als eins zu eins. Steigt die Inflation um einen Prozentpunkt und bleiben die übrigen Größen konstant, steigt der vorgeschlagene Nominalzins in der ursprünglichen Formel um 1,5 Prozentpunkte. Dadurch steigt auch der Realzins. Diese Reaktion wird als Taylor-Prinzip bezeichnet.
Ein Zahlenbeispiel
Angenommene Werte: Der neutrale Realzins liegt bei 1,0 %, die Inflation bei 2,5 %, das Inflationsziel bei 2,0 % und die Produktionslücke bei null. Dann ergibt sich ein Modellzins von 3,75 %.
1,0 % + 2,5 % + 0,5 × (2,5 % − 2,0 %) + 0,5 × 0 % = 3,75 %
Liegt der tatsächliche Leitzins deutlich darüber, ist die Geldpolitik relativ zu dieser Fassung der Regel straff. Liegt er deutlich darunter, ist sie relativ dazu locker. Der Vergleich sagt aber nicht, welcher Zinsschritt als Nächstes kommt. Dafür zählen Erwartungen, Kommunikation und die Daten, die bis zur nächsten Sitzung eintreffen.
Warum verschiedene Taylor-Zinsen kursieren
Schon kleine Änderungen an den Eingaben verschieben das Ergebnis. Inflation kann über CPI, Kerninflation oder PCE gemessen werden. Die Produktionslücke ist nicht beobachtbar und wird oft rückwirkend revidiert. Auch der neutrale Realzins ist eine Schätzung. Daneben existieren Varianten mit einer Arbeitslosenlücke oder einer stärkeren Gewichtung der Konjunktur.
Die US-Notenbank folgt keiner festen Taylor-Formel. Finanzstabilität, Risiken, Datenrevisionen und die effektive Zinsuntergrenze können eine andere Entscheidung rechtfertigen. Die Regel liefert eine Orientierung für Richtung und Größenordnung, keine Prognose und keine Handlungsanweisung.
Was die Regel für den Zinsmarkt leistet
Der Vergleich hilft, den vorderen Teil der Zinsstrukturkurve einzuordnen. Liegt der Modellzins klar unter dem tatsächlichen Leitzins, kann der Markt Zinssenkungen erwarten. Das zeigt sich häufig in zweijährigen Renditen und in SOFR-Futures, lange bevor die Notenbank handelt. Ob die Erwartung richtig ist, hängt daran, wie sich Inflation und Konjunktur tatsächlich entwickeln.
Kernaussage
Die Taylor-Regel verbindet Inflation und Auslastung mit einem rechnerischen Leitzins. Der Nutzen liegt im Vergleich mit der tatsächlichen Geldpolitik. Weil neutrale Zinsen, Inflation und Produktionslücke unterschiedlich gemessen werden können, ist das Ergebnis eine Modellspanne und keine exakte Zahl.