Was ist die Zinsstrukturkurve?
Ein Bild zeigt, was der Markt für Geld über die Zeit verlangt: die Zinsstrukturkurve. Sie trägt für jede Laufzeit die Rendite auf Verfall ab, die Anleihen desselben Emittenten gerade zahlen: links die kurzen Laufzeiten, rechts die langen. Eine häufig betrachtete Referenz ist die Kurve der US-Staatsanleihen, vom T-Bill bis zum 30-jährigen T-Bond.
Die Kurve hilft, Renditen verschiedener Laufzeiten zu vergleichen. Ihre Steigung allein zeigt aber nicht, wie hoch die Vergütung für das Laufzeitrisiko ist. Dafür müssen Zinserwartungen und Term Premium getrennt betrachtet werden. Positionen auf Kurvenbewegungen sind außerdem anderen Risiken ausgesetzt, auch wenn sie anfangs DV01-neutral gewichtet sind.
Die drei Grundformen
In gängigen Modellen wird die langfristige Rendite in den Durchschnitt erwarteter künftiger Kurzfristzinsen und das Term Premium zerlegt. Beide verändern sich mit der Laufzeit. Eine steigende Kurve kann deshalb höhere erwartete Kurzfristzinsen, eine höhere Laufzeitprämie oder beides widerspiegeln. Auch eine inverse Kurve lässt sich nicht eindeutig einem Bestandteil zuordnen. Das Term Premium kann positiv oder negativ sein und wird geschätzt, nicht direkt am Markt abgelesen.
Die Kurve als eine Zahl
Um die Kurve über die Zeit zu beobachten, presst man sie in eine Zahl: den Spread aus zehnjähriger und zweijähriger Rendite.
Ein Rechenbeispiel: Die zehnjährige Rendite steht bei 4 %, die zweijährige bei 5 %: 4 % − 5 % = −1 Prozentpunkt, also −100 Basispunkte. Die längere Laufzeit zahlt weniger, die Kurve ist invers. Steigender Spread heißt steilere Kurve (Steepening), fallender flachere (Flattening).
Die vier Bewegungen der Kurve
Jede Kurvenbewegung kombiniert zwei Fragen: Fallen oder steigen die Renditen insgesamt (Bull bzw. Bear, denn fallende Renditen heißen steigende Anleihekurse), und wird die Kurve steiler oder flacher?
| Bewegung | Was passiert | Typisches Szenario |
|---|---|---|
| Bull Steepener | Im betrachteten Laufzeitpaar fallen die kurzen Renditen stärker | Wirtschaft bricht ein, die Notenbank senkt |
| Bear Steepener | Im betrachteten Laufzeitpaar steigen die langen Renditen stärker | Wirtschaft läuft heiß, Inflation wird eingepreist |
| Bull Flattener | Im betrachteten Laufzeitpaar fallen die langen Renditen stärker | Zinsen schon tief, Wachstum bleibt schwach |
| Bear Flattener | Im betrachteten Laufzeitpaar steigen die kurzen Renditen stärker | Notenbank hebt gegen die Inflation |
Ein passend aufgebauter, anfangs DV01-neutraler Steepener profitiert näherungsweise von einem steigenden Spread zwischen den gewählten Laufzeiten. Carry, Roll, Konvexität und Änderungen der Gewichtung beeinflussen das Gesamtergebnis. Die beiden ausgewählten Renditen beschreiben zudem nicht jede Bewegung der gesamten Kurve. Gehandelt werden solche Positionen etwa mit Anleihen oder Zinsfutures.
Das kurze Ende folgt unmittelbar der Notenbank, denn dort wirkt der Leitzins. Das lange Ende preist Wachstums- und Inflationserwartungen des Marktes ein; mit Anleihekäufen und Aussagen zum künftigen Zinspfad hat aber auch dort die Notenbank nachweislich Einfluss.
Häufiges Missverständnis
Die Inversion ist historisch das klassische Rezessionssignal; das Modell der New York Fed nutzt dafür den Spread aus 10 Jahren minus 3 Monaten mit etwa 12 Monaten Vorlauf. Die Rückkehr ins Positive markierte historisch oft erst die Spätphase kurz vor der Rezession, wenn die Notenbank bereits senkt. Die Stichprobe ist klein, der Vorlauf schwankt erheblich: ein Meta-Indikator für die Risikobereitschaft, kein Timing-Signal und keine Prognose-Gewissheit. Mehr dazu unter inverse Zinskurve.
Kernaussage
Die Zinsstrukturkurve ordnet Renditen nach Laufzeit. Ihre Form verbindet Erwartungen über Kurzfristzinsen mit Laufzeitprämien. Der Spread aus zehn und zwei Jahren beschreibt einen Ausschnitt dieser Form. Aus ihm allein folgen weder eine bestimmte Risikoprämie noch ein sicherer Handelsertrag.