Dass die Renditen steigen oder fallen, ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte: Bewegt sich das kurze oder das lange Ende stärker? Aus diesen zwei Fragen entsteht das Vier-Felder-Vokabular des Anleihenmarkts: Bull Steepener, Bear Steepener, Bull Flattener, Bear Flattener.
Was bedeuten Steepener und Flattener?
Die Begriffe beschreiben, wie sich die Form der Zinsstrukturkurve verändert, gemessen typischerweise am Abstand zwischen zehnjähriger und zweijähriger Rendite. Wird dieser Abstand größer, versteilert sich die Kurve: ein Steepener. Wird er kleiner, verflacht sie: ein Flattener. Dazu kommt die Richtung des Renditeniveaus: Bull heißt, die Renditen fallen (Anleihenkurse steigen), Bear heißt, die Renditen steigen (Kurse fallen).
typisch: Zinssenkungen beginnen
typisch: Inflations- oder Fiskalsorgen
typisch: Flucht in Sicherheit
typisch: Zinserhöhungszyklus
Ob eine Bewegung Bull oder Bear ist, sieht man an der Richtung des Gesamtniveaus; ob Steepener oder Flattener, am Abstand der Enden.
Warum die Unterscheidung Geld wert ist
Die Enden der Kurve haben verschiedene Treiber. Das kurze Ende hängt an der Geldpolitik und den eingepreisten Leitzinsschritten der nächsten Quartale; das lange Ende an Wachstums- und Inflationserwartungen plus Laufzeitprämie. Deshalb erzählt jedes der vier Felder eine eigene Konjunkturgeschichte, und deshalb reicht die Aussage “Zinsen steigen” nicht für eine Positionsentscheidung: In einem Bear Flattener steigen die Renditen der Kurzläufer am stärksten, deren geringe Duration die Kursverluste allerdings begrenzt; ein Bear Steepener trifft Langläufer am härtesten, weil dort steigende Renditen auf die höchste Duration treffen.
Ein Rechenbeispiel mit angenommenen Werten: Die zweijährige Rendite fällt von 4,8 % auf 4,2 %, die zehnjährige nur von 4,4 % auf 4,3 %. Das Niveau fällt, also Bull; der Abstand 10 Jahre minus 2 Jahre steigt von −40 auf +10 Basispunkte, also Steepener: ein Bull Steepener, das klassische Muster, wenn eine inverse Zinskurve über Zinssenkungserwartungen aufgelöst wird.
Wer gezielt auf die Formänderung setzen will, ohne die Niveaurichtung mitzuwetten, baut den Kurventrade DV01-neutral: Beide Laufzeitbeine bekommen den gleichen DV01, sodass parallele Verschiebungen sich näherungsweise aufheben und die Kurvenbewegung das Ergebnis dominiert; Carry, Rolldown und Konvexität wirken auch dann noch mit.
Dieselbe Schlagzeile kann in zwei Feldern landen: Steigende Inflationserwartungen können einen Bear Steepener auslösen (langes Ende verkauft), aggressive Zinserhöhungen dagegen einen Bear Flattener (kurzes Ende steigt, das lange preist schon die Abkühlung). Wer nur die Niveaurichtung handelt, hat die halbe Analyse übersprungen und trägt ein Kurvenrisiko, das er nie bewusst gewählt hat.
Kernaussage
Bull oder Bear beschreibt das Renditeniveau, Steepener oder Flattener die Kurvenform. Erst die Kombination sagt, welche Laufzeiten gewinnen und verlieren, und sie ist damit das Grundvokabular für jede Positionierung entlang der Zinsstrukturkurve.